| 25. September 2011
Es war Herbst, und ich ging in die 8. Klasse. Wie das Leben so spielt: in diesem Jahr wurde ich an die Oberschule versetzt. Mir war klar, dass mir als „Baby“ dort kein leichtes Leben bevorstand.
Aber ich schloss ein paar Freundschaften. Inzwischen war es November, und es ging mir einigermaßen – bis eines Morgens Eddie aufkreuzte. Ziemlich geknickt kam er über den Rasen geschlichen, aber als er mich sah, strahlte er, als hätte er einen lange verschollenen Bruder entdeckt.
Eddie war aus der gleichen Schule gekommen wie ich. Er war ein blässlicher, ungelenker, schüchterner und langsamer Typ. Eigentlich konnte ich ihn nicht leiden, aber er hatte sich im Jahr davor ein wenig an meine Fersen geheftet, und ich hatte ihn geduldet...
Inzwischen sah das etwas anders aus. Hier, in der achten Klasse an einer anderen Schule kämpfte ich ums nackte Überleben, rein zugehörigkeitsmäßig natürlich. Ich hatte den Verdacht, dass Eddie mir dabei nicht gerade helfen würde.
Und so kam es. Drei Tage später entdeckte er mich in der Mittagspause. Meine neuen Freunde und ich saßen wie immer auf dem Rasen an der Mädchenturnhalle und bedienten uns an unseren mitgebrachten Brotdosen, als plötzlich Eddie auftauchte und sich neben mir niederließ. „Hallo“, flüsterte er.
„Ach – hallo“, sagte ich. Meine neuen Freunde beäugten misstrauisch diesen linkischen Ankömmling. Seine Klamotten und sein ganzes Gehabe machten klar: das war der Dorftrottel vom Dienst.
Später fragte einer von meinen Freunden: „Wer ist denn dieser Trampel?“
„Welcher Trampel?“
„Du weißt schon welcher.“
„Ach der. Bloß ein Typ, der letztes Jahr mit mir in der Schule war. Vergiss ihn.“
„Gern – solange er uns nicht mehr bei der Mittagspause belästigt.“
Er aß aber trotzdem mit uns – die ganze Woche lang, und auch die nächste. Eigentlich war uns allen klar, dass er die Absicht hatte, sich bei uns festzusetzen.
Dass er jetzt ständig bei uns herumschlich, war das letzte, was ich wollte. Er gefährdete meine harterkämpfte Stellung in dieser Clique, die ziemlich hip war. Aber eben diese Unsicherheit verlieh mir ein Gespür für Eddies Gefühle. Ich wollte ihn nicht bei uns haben, aber ich wollte ihn auch nicht in die Wüste schicken.
Als ich mich am nächsten Tag mit meiner Clique zum Essen hinsetzte, sagte einer von ihnen: „Wo ist dein Kumpel?“
„Der ist nicht mein Kumpel. Vielleicht isst er heute woanders.“
„Wird schon noch kommen. Hör zu, wir wollen, dass du ihn abschwirren lässt. Wir haben was dagegen, dass er sich bei uns festsetzt.“
Und wer kam wohl genau in diesem Moment und schlich über den Platz, als ob er Angst hätte, dass man mit Steinen nach ihm wirft?
„Da ist er ja“, zischelte einer von den hippen Leuten. „Sag ihm jetzt, dass er anderswo essen gehen soll.“
Das Gespräch verstummte, als Eddie sich setzte. Das Schweigen dauerte noch eine ganze Weile. Niemand würde etwas sagen, bis ich ihn losgeworden wäre. Also sah ich ihn zum ersten Mal an, seit er sich zu uns gesellt hatte, und das erste, was mir in den Sinn kam, war etwas, das Jesus gesagt hatte: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Eddie lächelte auf seine schüchterne Art.
„Wie geht’s?“ fragte ich.
„Gut.“
Ich biss von meinem Thunfischbrot ab. War es das wert? Nett sein war nicht mehr möglich. Selig sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich.
„Wie gefällt’s dir an dieser Schule?“, fragte ich.
„Ganz gut.“
„Hast du – mhm – schon ein paar Freunde?“
„Ja – euch.“ Einer von meinen Freunden erstickte fast an seinem Kuchen.
„Ich meine, noch andere Freunde?“ Jemand neben mir sah mich an und nickte.
„Tja – glaub schon“, sagte Eddie. Jetzt war ihm klar, worauf ich hinauswollte. So etwas hatte er schon öfters durchgemacht. Das Lächeln war geblieben, irgendwie festgefroren, aber in seinen Augen spiegelten sich seine Gefühle. Ich fand, es sei Zeit für den Todesstoß.
„Gehst du in der Mittagspause auch schon mal zu denen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Solltest du aber.“
Er sah nach unten und fingerte an seinem Brot herum. Meine Freunde hatten schweigend weitergegessen, ganz auf ihren Proviant konzentriert.
„Geh doch einfach jetzt mal rüber und leiste ihnen Gesellschaft“, sagte ich. Das war kein unverbindlicher Vorschlag. Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr an mir getan.
Da stand Eddie auf. Er lächelte immer noch und zögerte ein bisschen, als hoffte er, ich würde gleich lachen und sagen: „War doch bloß ein Spaß, Eddie. Setz dich wieder hin, hier neben mich.“ Aber ich sagte nichts. Eddie drehte sich um und ging über den Rasen davon, die braune Tasche unter dem Arm.
Ich kann mich nicht erinnern, Eddie danach noch einmal gesehen zu haben. Wahrscheinlich duckte er sich jedes Mal, wenn er mich sah. Sollte ich ihn aber wiedersehen, habe ich etwas wiedergutzumachen. Zum einen hat Eddie einen Tritt in meinen Hintern gut. Und zweitens muss ich mich bei ihm bedanken. Er hat mir mit seinem Leid eine Menge Gemeinheiten und einen Rausschmiss aus der In-Clique der Schule erspart.
Seit damals habe ich viele Leute kennengelernt. Manchen hätte ich nur auf die Füße zu treten brauchen, um zu kriegen, was ich wollte. Aber in all diesen Gesichtern sehe ich nach kurzem Nachdenken Eddies Augen, die um eine letzte Chance betteln und schon auf den Schlag warten. Jedes Mal sterbe ich innerlich tausend Tode vor Scham über mein Verhalten. Und dann ist da noch diese leise Stimme: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt…
Wir geben es ja nicht gerne zu, aber wir alle kennen einen Eddie – Leute, zu denen wir gemein waren, oft auch, weil wir fürchteten, unser Ansehen zu verlieren. Wie heißt der „Eddie“ in deinem Leben? Denke an ein oder zwei Leute, um die du dich hättest kümmern sollen, die du aber im Stich gelassen hast. Was kannst du heute tun, damit es ihnen besser geht? Denke dir etwas Konkretes aus und tu, was dir eingefallen ist.
(aus: Ken Davis, Dave Lambert – „Neuer Saft für müde Birnen“)
